abwegig.

Lasst uns mal persönlich werden…

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Wir sind allesamt Heuchler. Wir alle, die wir uns im Internet präsentieren und eine Fassade annehmen, die nicht wir selbst sind. Wir sind lustig, genießen das Leben, wir sind kritisch anderen gegenüber und der Meinung wir allein hätten das Leben verstanden. Dann loggen wir uns bei Facebook/Twitter/Wordpress aus, machen uns eine Tasse Tee, legen melancholische Musik auf und weinen uns in den Schlaf. Wir sind nicht in der Lage unsere private Gefühlslage nach außen zu tragen und fühlen uns gut dabei andere Leute zu bemeckern, denen es so schlecht geht, dass sie es nötig haben ihren Schmerz öffentlich zu machen. Dabei wird uns in diesen Momenten ein Geschenk gemacht: Das Geschenk in das wahre Ich jener Personen zu blicken, die wir sonst nur als schlagfertig und selbstbewusst kennen. Aber warum eigentlich?

Ich rede nicht davon, dass wir all unsere Gefühle und Gedanken preisgeben. Gott… ich will nicht wissen mit wem ihr wann Sex hattet. Ich will nicht wissen, dass ihr euch gerade die Seele aus dem Leib kotzt, weil ihr euch beim Chinamann Salmonellen eingefangen habt. Aber ich will wissen wer ihr seid, was euch bewegt, was euch nachts wach hält. Ich will all das wissen, was ich in Wirklichkeit auch von meinen Freunden erfahren möchte. Viele von euch sind zu Freunden geworden. Freunde, die ich zwar noch nie gesehen habe, aber denen ich trotzdem mehr Zeit widme als vielen anderen Menschen, die ich in der “echten Welt” als Freunde bezeichne. So freakig das auch klingt, aber es ist nunmal die Wahrheit. Aber warum sind wir dann so unpersönlich?

Ich weiß, dass viele von euch sagen werden, dass das Internet nie vergisst und ihr nicht wollt, dass Google, Facebook oder welches böse Unternehmen auch immer weiß wie ihr euch fühlt. Und dann schreibt ihr E-Mails und SMS an eure Liebsten, gebt eure intimsten Gefühle auf elektronischen Wege preis. Hier geht es nicht um “Post Privacy”-Diskussionen, es geht einfach um die wahre Realität: Sobald ihr eure Gefühle irgendjemanden preisgebt, wisst ihr nie, bei wem diese Geheimnisse am Ende landen. Also lasst uns einfach mal persönlich werden. Lernen wir uns kennen, denn wir alle haben doch den Drang, dass uns jemand hört, dass uns jemand einfach sagt “Alles wird gut! Du packst das schon!”. Virtueller Trost ist bestimmt nicht so gut wie eine echte, freundschaftliche Umarmung, aber es ist manchmal das Einzige was uns zur Verfügung steht.

Ich bin auch nur ein Mittzwanziger, der von zahlreichen Unsicherheiten geprägt ist. Jemand, der keine Ahnung hat, wo ihn das Leben hinführt. Jemand, der absolut nicht weiß, ob all das, was er gerade macht, auch wirklich sinnvoll ist. Und ich habe wenig Probleme damit meine Unsicherheiten und Probleme der Öffentlichkeit bekannt zu machen, weil ich weiß, dass es mir nichts bringt eine Fassade aufzulegen, die nichts mit mir zu tun hat. Natürlich bin auch ich ein Heuchler, weil ich mich anders präsentiere als ich vielleicht in Wirklichkeit bin – das Internet treibt Einen dazu. Warum aber können wir nicht einfach offen sein? Wir haben doch alle unsere Probleme. Aber letztendlich verstecken wir uns alle auch in Wirklichkeit auch nur vor der Realität und wissen, dass es uns nicht gut tut, wenn wir vor unseren Freunden unsere Unsicherheiten verstecken.

Lasst uns mal persönlich werden… Ich glaube es würde uns allen gut tun. Wenn ihr also auf Twitter von privaten Tweets genervt seid, dann schreibt diese Person an, anstatt sich über sie lustig zu machen. Wenn jemand auf Facebook traurige Liedtexte postet, dann fragt doch einfach mal, was los ist, anstatt jene Person genervt wegzuklicken. Wir schreien doch alle nur nach Hilfe, brauchen Aufmerksamkeit und ein paar tröstende Worte. Das Leben ist hart genug, als dass wir es uns selbst noch schwerer machen müssen. Solche Personen haben aber wenigstens die Eier es öffentlich zu gestehen und ihre Probleme nicht hinter einer billigen und durchschaubaren Fassade zu verstecken. Gesteht es euch doch einfach mal ein: Wenn ihr euch da draußen so verhaltet, wie ihr euch im Internet verhaltet, glaubt ihr ernsthaft, irgendjemand würde euch wirklich mögen? Wollt ihr für eure Fassade, oder doch lieber für euer wahres Inneres gemocht werden?

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2 Kommentare

  1. Meine Überlegungen stoppen immer da, wo ich jemand Dritten in mein privates Posting mit hineinziehe. Kann ich in aller Tiefe z.B. über meine Beziehung reden, ohne vorher den Artikel von meiner Freundin “freigeben” zu lassen?

    • Das ist durchaus ein problematischer Punkt den du ansprichst. Letztendlich muss jeder immer noch selbst wissen, was er über sich und damit auch Andere preisgibt. Es ging mir aber auch vielmehr darum aufzurütteln und klar zu machen, dass künstliche emotionale Stärke auch im Internet fehl am Platz ist.

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