Lass mich in Ruhe! Geh mir aus dem Weg! Das hilft alles doch rein gar nichts… schreib mich nicht an… Alles was du sagst, ist nur Salz, Schwefel und Säure für mich. Ich will dich hören, dich berühren, dich genießen, aber es tut so weh wenn du vor mir stehst und ich weiß, dass ich all das nicht mehr habe.
Ich schreie den Schmerz heraus. Versuche das Gebrüll der Gedanken in meinem Kopf zu übertönen. Doch mit der Zeit wird meine Stimme heiser und ich bin gezwungen dem Wirbelsturm zuzuhören. Ich hätte dir die Welt zu Füßen gelegt, alles getan um dich glücklich zu machen. Doch stand die ganze Zeit meine eigene Unsicherheit im Weg und als ich sie endlich überwunden hatte, da warst du weg. Einfach so. Die Chance habe ich um Sekunden verpasst. So ein minimales Fragment das gefehlt hat. Und die ganze Zeit denke ich darüber nach, was hätte sein können, wenn ich mich nur ein bisschen schneller aufgerappelt hatte. Scheiß Timing. Dieses Gefühl der verpassten Chance macht mich verrückt. Ich verfalle den Gedanken, dass nur ein kleines bisschen alles gerettet hätte und könnte mich selbst dafür steinigen. Ich zerreiße mich selbst. Meine Gedanken werden zu Rasiermessern, deren Schmerz so unfassbar unwirklich ist.
Und dann sitze ich unter Menschen. Fremde Gesichter die mich anstarren und ich frage mich was los ist? Als ich den warmen und salzigen Geschmack im Mund spüre weiß ich was los ist: Im Bus zu weinen passiert wohl nicht sehr häufig. Nicht mal hier kann ich mich zurückreißen. Ich setze die Kapuze auf und drehe mich weg, passe mich der sozialen Norm an. Gefühle sind tabu. So wie bei dir… Als ich dir von meinen Gefühlen erzählt habe, warst du verstört und hast dennoch versucht verständnisvoll zu reagieren. Mein emotionaler Ausbruch war dann doch zu viel. Aber ich will meine Gefühle nicht mehr unter Verschluss halten. Ich will sie der Welt zuschreien und sie an alle Hauswände schreiben. Macht ein Manifest daraus: Hier kommt meine riesige, klaffende Wunde! Ergötzt euch dran, bedient euch und freut euch des Lebens, ob dieses unglaublich tollen Geschenks. Mir ist das egal. Sie ist zuviel für mich allein.
Dieses Gefühl der Wut, der Verzweiflung und Ohnmacht, es paralysiert mich. Ich sitze mit offenen Mund herum. Die Welt um mich herum dreht sich auch ohne mein Zutun, aber zu langsam für meinen Geschmack. Ich will die nächsten Monate des Kalenders abreißen, dann schaue ich den Kalender an und stelle fest, er kam von dir. Ich zerreiße, zerfetze und verbrenne ihn. Ich zerstöre meine Zeit. Lass mich in Ruhe. Geh aus meinem Kopf.
Ich gehe durch die Straßen und mich überkommt alle Lust. Mein Körper sehnt sich nach Nähe, Geborgenheit und Wärme. Dann liegen da fremde Frauen im Bett – ich weiß nicht mal ihre Namen – und ich denke wieder an dich. Ich versuche dich zu verdrängen, versuche die Lust Überhand gewinnen zu lassen, aber die Gefühle kommen einfach hoch und ich kann mich nicht fallen lassen. Die künstliche Geborgenheit die ich mir suchte, wird von dem Gedanken an dich zerstört. Der Hauch des Glücks den ich mir in jenen Momenten erschleiche ist zu kurzfristig im Vergleich zum Schmerz den ich danach spüre… Immerhin kann ich die Tränen zurückhalten, doch wenn die Frauen gehen, dann sitze ich wieder alleine und alles überkommt mich wieder von vorn.
Doch dann stehst du wieder da. Wunderschön wie an dem Tag, als ich dich das erste Mal sah. Du lächelst mich an, freust dich wirklich mich zu sehen – für dich ist ja alles in Ordnung – und mein Herz macht wieder einen Satz. Warum ich dem Impuls, einfach wegzurennen, nicht nachgebe? Ich weiß es nicht… Stattdessen lege ich mich freiwillig auf die Folterbank und präsentiere mir selbst die Instrumente. Und als ich mich so mit dir unterhalte, spüre ich erneut, warum ich dich nicht loslassen kann. Du gehst und ich habe wieder meine riesige Wunde um ein paar Zentimeter erweitert.
Lass mich in Ruhe… geh mir aus dem Weg… Ich kann einfach nicht mehr weinen…
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14. Mai 2012 um 12:35 Uhr
Verdammt, jetzt muss ich auch fast schon wieder heulen. Mal davon abgesehen, dass ich nichtmal andere Frauen ins Bett bekomme, geht’s mir doch ganz ähnlich. Dieses Gefühl der Ohnmacht. Dieses Gefühl, nicht loslassen zu können. Dieses Gefühl, dann wirklich all das aufzugeben, was einen selbst ausgemacht hat, ausmacht. Das Gefühl, anstelle des eigenen Herzens nur noch irgendeine komische Pumpe zu haben, weil sie es mitgenommen hat. Und dann siehst Du sie und bist sofort wieder verknallt wie am letzten Tag. Weil mit jedem Tag, die Du sie um Dich hattest, Deine Liebe größer wurde. Geh’ weg, ich kann das alles nicht mehr. Und dann nimmt sie Abstand und Du willst hinterher rennen und sie festhalten, sie bloß nicht gehen lassen.
Ach, das funktioniert doch alles nicht so. :°(
14. Mai 2012 um 12:54 Uhr
Es tut mir leid. Ich wollte da bei dir nichts aufreißen lassen…
Ja, das ist exakt der Schmerz. Tagelang denkt man dann, dass es gut geht und man kommt wieder klar und schlagartig kommt das eine Fitzelchen, das einen wieder runterzieht. Es wird irgendwann besser, das weiß ich, aber aktuell ist es einfach nur Mist…
Und glaub mir: Andere Frauen sind kein Ersatz in dem Moment. Danach fühle ich mich nur noch mieser als zuvor…
14. Mai 2012 um 13:39 Uhr
Du hast nichts aufgerissen, keine Angst. Mir geht es permanent so. Tagelang, wochelang versucht man über den Berg zu kommen – und dann wird man morgens wach und alles ist wieder beim Alten. Oder man sieht sich kurz, erhascht irgendeine Neuigkeit, muss doch wieder Kontakt aufnehmen, weil man es ansonsten nicht aushält.
Glaube auch nicht, dass sich da irgendein Ersatz finden lässt. Solange die alten Gefühle da sind und auch nicht geringer werden, vergleicht man eh noch. Da hat niemand sonst eine Chance. Das sind alles nur Pflaster, die kurzzeitig halten – und die einem im Zweifelsfall nur zeigen, was man eigentlich doch so sehr vermisst.
Ich glaube immer noch, dass am Ende nur eines hilft: wenn es nicht vergeht, dann muss man kämpfen. Nicht aufgeben. Fest dran glauben. Und alles geben, um das Beste draus zu machen. Dran arbeiten. Gemeinsam. Und darauf bauen, dass man es doch noch schaffen kann.
14. Mai 2012 um 15:45 Uhr
Bei dir zieht es sich ja auch schon länger hin als bei mir. Wenn ich mir vorstelle in deiner Situation zu sein würde ich glaub ich durchdrehen. Hut ab für dein Durchhaltevermögen!
Ja, “Pflaster, die kurzzeitig halten” trifft es gut. Das Glücksgefühl ist leider einfach zu kurz und zeigen einem immer wieder auf, dass man so viel mehr vermisst. Aber mit dem Kämpfen hat es sich bei mir erledigt. Dafür habe ich zuviel Mist gebaut im Nachhinein. :/ Ich muss da jetzt durch, koste es was es wolle.
14. Mai 2012 um 17:28 Uhr
Hmm, Mist gebaut zu haben ist natürlich blöd. Fühle mich aber ähnlich, obwohl ich eigentlich nichts gemacht habe. Aber aneinander vorbei reden und bei bestimmten Dingen einfach einmal zuviel nachhaken zu müssen kann auch ganz schön kontraproduktiv sein.
15. Mai 2012 um 14:49 Uhr
Ich hab halt ein paar ziemlich uncoole Aussagen gemacht, die ich jetzt auf jeden Fall bereue. Abgefuckt ist die Situation jetzt eh, weswegen ich mir jegliche Chance auf Besserung verbaut habe… :/
Dieses “einmal zuviel nachhaken” kann ich so gut verstehen. Vor allem, da man in unserer Situation ja auch dazu tendiert etwas in Sachen hineinzuinterpretieren, sodass man einfach klare Aussagen haben will, weil man nicht wieder tagelang darüber nachdenken möchte, ob das jetzt xyz bedeutet hat.
Ich will einfach meine Ruhe, das habe ich ihr jetzt auch gesagt. Sonst werde ich das nicht los und es wird mich auf viel zu lange Zeit verfolgen, zumal es nicht an mir ist noch irgendwas zu tun. Ich weiß, dass sie auch irgendwie noch an mir hängt, aber mich da noch emotional hineinzuinvestieren macht mich nur fertig. Ich brauch Ruhe, Schlaf und endlich mal wieder eine Perspektive…
15. Mai 2012 um 22:01 Uhr
Ihr müsst jetzt das hier lesen.
Amy Hempel, “The Man in Bogota”
“The police and emergency service people fail to make a dent. The voice of the pleading spouse does not have the hoped-for effect. The woman remains on the ledge – though not, she threatens, for long.
“I imagine that I am the one who must talk the woman down. I see it, and it happens like this.
“I tell the woman about a man in Bogota. He was a wealthy man, an industrialist who was kidnapped and held for ransom. It was not a TV drama; his wife could not call the bank and, in twenty-four hours, have one million dollars. It took months. The man had a heart condition, and the kidnappers had to keep the man alive.
“Listen to this, I tell the woman on the ledge. His captors made him quit smoking. They changed his diet and made him exercise every day. They held him that way for three months.
“When the ransom was paid and the man was released, his doctor looked him over. He found the man to be in excellent health. I tell the woman what the doctor said then – that the kidnap was the best thing to happen to that man.
“Maybe this is not a come-down-from-the-ledge story. But I tell it with the thought that the woman on the ledge will ask herself a question, the question that occurred to that man in Bogota. He wondered how we know that what happens to us isn’t good.”